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„Indianer kennen keinen Schmerz“ – Warum dieser Spruch überholt ist

Aktualisiert: 5. Apr. 2025

Viele von uns - vorangig vermutlich die männliche Spezies - haben ihn in der Kindheit gehört: „Indianer kennen keinen Schmerz!“ – meist als Motivation gedacht, um sich nach einem Sturz nicht anmerken zu lassen, dass es weh tut. Doch dieser Spruch ist in vielerlei Hinsicht problematisch: Er ist nicht nur aus einer kolonial geprägten Perspektive entstanden, sondern er vermittelt auch eine toxische Vorstellung von Schmerz und Emotionen. Zeit, ihn genauer unter die Lupe zu nehmen und endgültig zu entmystifizieren.


1. Ethisch fragwürdig: Die Bezeichnung „Indianer“

Beginnen wir mit dem offensichtlichsten Problem: Der Begriff „Indianer“ ist eine überholte und pauschalisierende Bezeichnung für indigene Völker Nordamerikas. Ursprünglich entstand der Begriff aus der Fehleinschätzung Christoph Kolumbus', der glaubte, in Indien gelandet zu sein. Heute gilt er als unpräzise und oft als abwertend, da er die Vielfalt indigener Kulturen und Identitäten ignoriert. Respektvoller ist es, von „indigenen Völkern“ oder spezifischeren Bezeichnungen wie Lakota, Cherokee oder Cree zu sprechen.


2. Woher stammt dieser Spruch überhaupt?

Der Ausspruch „Indianer kennen keinen Schmerz“ stammt nicht etwa aus indigenen Kulturen selbst, sondern ist ein Produkt westlicher Vorstellungen über indigene Völker. In Filmen, Abenteuerbüchern und Erzählungen wurde das Bild des „starken, stoischen Indianers“ gezeichnet, der keine Schwäche zeigt. Diese stereotype Darstellung diente dazu, indigene Menschen zu mystifizieren – und gleichzeitig zu entmenschlichen, indem ihnen echte, verletzliche Emotionen abgesprochen wurden.


3. Warum wurde dieser Spruch verwendet?

In der westlichen Erziehung wurde der Satz vor allem genutzt, um Kindern eine gewisse „Härte“ beizubringen. Dahinter steckte die Botschaft: Gefühle zu zeigen ist unerwünscht, Weinen ist ein Zeichen von Schwäche. Besonders Jungen wurde beigebracht, dass „echte Männer“ ihren Schmerz nicht zeigen – ein klarer Fall von toxischer Männlichkeit.

Doch das ist nicht nur emotional problematisch, sondern auch neurobiologisch unsinnig. Schmerz ist ein natürliches Warnsignal des Körpers und Emotionen sind überlebenswichtig. Oder möchtest du gern eine heiße Herdsplatte anfassen und erst am Geruch des verbrannten Fleisches merken, dass das eine dumme Ideee ist. Wer lernt, Emotionen zu unterdrücken, wird langfristig Schwierigkeiten haben, gesunde Bewältigungsstrategien zu entwickeln.


4. Warum ist dieser Spruch heute überholt und falsch?

  1. Alle Menschen empfinden Schmerz – auch indigene Völker. Schmerz ist eine universelle menschliche Erfahrung. Kein Volk, keine Kultur und kein Mensch ist biologisch darauf ausgelegt, keinen Schmerz zu fühlen.

  2. Emotionale Unterdrückung schadet der psychischen Gesundheit. Studien zeigen, dass Menschen, die Emotionen unterdrücken, ein höheres Risiko für Angststörungen, Depressionen und psychosomatische Erkrankungen haben. Schmerz zu spüren – sei es physisch oder emotional – ist Teil der menschlichen Erfahrung.

  3. Neue Erziehungsansätze setzen auf emotionale Intelligenz statt Verdrängung. Heutige Psychologie und Pädagogik betonen, dass Kinder lernen sollten, mit Emotionen umzugehen, anstatt sie zu unterdrücken. Wer seine Gefühle versteht und ausdrücken kann, ist langfristig resilienter.


Fazit: Zeit für ein neues Mindset

Der Satz „Indianer kennen keinen Schmerz“ gehört endgültig in die Mottenkiste der überholten Glaubenssätze. Weder ist die Bezeichnung korrekt noch die dahinterstehende Botschaft gesund. Statt Härte zu glorifizieren, sollten wir lernen, Emotionen zu akzeptieren – als das, was sie sind: ein natürlicher, wichtiger Teil unseres Lebens. Denn wahre Stärke zeigt sich nicht im Verdrängen von Schmerz, sondern im bewussten Umgang damit. Soll heißen: Lerne, Deine Emotionen wahrzunehmen, sie anzunehmen und wie du sie im Zweifelsfall regulieren kannst. Spoileralarm: Dafür darf man(n) sich auch Unterstützung suchen.




 
 
 

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